Emil Beutinger (1875 – 1957) Architekt  

Zunächst als Steinhauer ausgebildet, dann an der Kunstgewerbeschule Stuttgart eingeschrieben, interessierte sich der junge Beutinger schon in der Landeshauptstadt und, nach seinem Examen, als Mitarbeiter des Bildhauers Otto Rieth in Berlin, für Fragen des Bauens, Kunstgewerbes und Ingenieurwesens.
Er arbeitete als Assistent an der Technischen Hochschule Darmstadt, war Mitglied des Deutschen Werkbunds und leitete in Wiesbaden 1913 bis 1921 die Kunstgewerbeschule. Er veröffentlichte wichtige Schriften: 1904 das grundlegende „Handbuch der Feuerbestattung“, ab 1914 die Zeitschrift „Der Industriebau. Monatsschrift für die künstlerische und technische Förderung aller Gebiete industriellen Bauens“ und veröffentlichte Artikel in „Der Städtische Tiefbau“.
Beutinger schuf mit Aussegnungshalle und dem ersten Krematorium Deutschlands auf dem Heilbronner Hauptfriedhof 1905 einen tempelartigen Bau, dezent in seiner unaufdringlichen Moderne.
Er eröffnete 1907 mit seinem Partner Adolf Steiner ein Architekturbüro, baute im selben Jahr Stallgebäude und Kutscherhaus für den Heilbronner Fabrikanten Brüggemann in der Lerchenstraße: Deutlich sichtbar hier die Einflüsse des Berliner Architekten Muthesius. Beutinger konstruierte 1911 Mühle und Verwaltungsbau des Portland-Cementwerks in Lauffen, 1912 das Nettel-Kamerawerk in Heilbronn-Sontheim und 1913 die Karosseriefabrik Barth, ebenfalls in Sontheim.
Im selben Jahr folgten Böckingens neue Alleenschule, das Ruderschwabenhaus und 1914 die Ortskrankenkasse an Heilbronns Allee (alle zusammen mit seinem Partner Adolf Steiner).
Während seine Industriebauten allen Anfoderungen zeitgemäßer Ingenieurskunst genügen, sind Schul- und Verwaltungsgebäude im besten Sinn handwerklich gedacht, klassisch proportioniert, überzeugen durch phantasievolle Details ohne überflüssiges Dekor. Sie erinnern damit an die Arbeit des Doyens der Stuttgarter Architektur dieser Zeit, Theodor Fischer, der ja das Heilbronner Theater von 1913 errichtet hatte. Beutingers und Steiners zeitgemäßer Stil findet lobende Erwähnung bei Walter Gropius:
Er stellte ihre Maschinenfabrik Kirsch & Mausser in einem Vortrag „Monumentale Kunst und Industriebau“ 1911 als gutes Beispiel vor. Auch in seiner Zeit als Oberbürgermeister Heilbronns von 1922 bis 1933 engagierte sich Beutinger für die weitere Stadtentwicklung: „Längst sind die Fesseln und Wälle der alten Stadt gesprengt, sie dehnt sich mächtig aus, schon wachsen Stadt und Umgebung sichtbar zusammen zu einem großen neuen Wirtschafts- und Stadtgebilde“, propagierte er 1925.
Beutinger wusste, dass Lebensqualität einer Stadt nur in Verbindung von Zukunft und Vergangenem entsteht. Er kämpfte nicht nur gemeinsam mit dem Silberfabrikanten und Politiker Peter Bruckmann um den Ausbau des Neckars zur Großschifffahrtsstraße, sondern engagierte sich auch erfolgreich für kulturelle Belange. Heilbronns Bürger verdanken ihm die Einrichtung eines stadtgeschichtlichen Museums 1923, in finanziell sehr beengten Zeiten, wie auch die Unterstützung von Volkshochschule und Theater.
Nachdem ihn die Nationalsozialisten im April 1933 abgesetzt hatten, zog er sich ins Privatleben zurück. Seinen Sachverstand schätzte man weiterhin: 1945 rief ihn die US-amerikanische Militärregierung für ein Jahr ins Amt zurück. Hier organisierte er die Trümmerräumung, die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigsten und kämpfte mit den Männern der ersten Stunde für einen Wiederaufbau der über 50 Prozent zerstörten Stadt.